LESEPROBE<
John Dickie, Die Freimaurer. Der mächtigste Geheimbund der Welt, Frankfurt 2020, S. Fischer Kapitel 2: Der merkwürdige Tod von Hiram Abiff Ein Mann mit einem Schurz, ein gezücktes Schwert in der Hand, nimmt dir Geld, Schlüssel und Handy ab – alles Metall, das deine Person in der Außenwelt verankert. Er verbindet dir die Augen. Du spürst, wie dein linker Ärmel hochgekrempelt wird, dann das linke Hosenbein, bis das Knie freiliegt. Der Arm wird aus dem linken Ärmel gezogen und die Brust entblößt. Dann legen sie dir eine Schlinge um den Hals. Du tust einen Schritt nach vorn. Dein Leben als Freimaurer hat begonnen. […] Sobald der Anwärter mit verbundenen Augen die Loge betreten hat, wird er aufgefordert, niederzuknien und ein Gebet zu sprechen. Sodann wird er dreimal um den Saal herumgeführt, ehe man ihn den ranghöheren Logenbrüdern vorstellt, die sich vergewissern, dass er mindestens einundzwanzig Jahre alt ist, „von tadellosem Leumund“ und „frei geboren“. Nach Aufforderung des Logenmeisters legt der Kandidat eine Reihe von Gelübden ab, insbesondere, dass er an einen Gott glaubt und dass sein Wunsch, Freimaurer zu werden, nicht von „Gewinnsucht oder ähnlich niederträchtigen Motiven“ geleitet wird. Danach folgt das Gehen. Der Kandidat tritt in drei Schritten nach vorn, einer immer größer als der vorausgehende, wobei der Absatz des einen Fußes den Rist des anderen so berührt, dass die Füße einen rechten Winkel bilden (also das Winkelmaß). Unmittelbar nach dem Gehen bildet der Kandidat einen weiteren Winkel, diesmal mit den Beinen: Er kniet vor einem Altar nieder, das nackte linke Knie aufgesetzt, die rechte Fußspitze nach vorn gerichtet. Dann wird er gebeten, die Hand auf das Heilige Buch seiner Wahl zu legen, eine Bibel, einen Koran oder was immer er möchte, und zu geloben, die maurerischen Geheimnisse, die er erfahren wird, niemals zu Papier zu bringen. Die Strafen, die ihm drohen, sollte er die Geheimnisse verraten, lassen das Blut gefrieren: „Ich verspreche alles dieses bei Strafe, dass mir die Kehle abgeschnitten, die Zunge bis auf die Wurzel aus dem Munde geschnitten, das Herz aus dem Leib gerissen, und dieses alles in der Tiefe des Meeres begraben, mein Körper zu Asche verbrannt und die Asche in den Wind geworfen werde, damit weder unter den Menschen noch unter den Maurern das geringste Andenken von mir übrig bleibe.“ Kaum hat er diese Worte ausgesprochen und seinen Schwur mit einem Kuss auf das Buch des geheiligten Gesetzes besiegelt, ist er ein „Neophyt“, ein Neugeweihter, geworden. Entsprechend wird ihm die Augenbinde abgenommen. Nun sagt man ihm, es gebe in der Freimaurerei drei große „emblematische Lichter“. Das erste liege offen auf dem Altar vor ihm und werde mit den großen Weltreligionen geteilt: das Geheiligte Buch des Gesetzes, das den Weg zum Glauben weise. Das zweite und dritte seien die Insignien der Freimaurerei, die weltweit auf Gebäuden, Schurzen und Reversabzeichen prangten: das Winkelmaß, das für Rechtschaffenheit stehe; und der Zirkel, ein Symbol für Selbstbeherrschung. © 2020 S.Fischer Verlag GmbH Frankfurt, alle Rechte, insbesondere auch die Nutzung für Text- und Datamining im Sinne von § 44b UrhG, vorbehalten